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Eines der teuersten Gesundheitssysteme, aber sind wir deshalb auch gesünder?

15. Aug.
5 Min. Lesezeit


Deutschland verfügt über eines der leistungsfähigsten und gleichzeitig teuersten Gesundheitssysteme innerhalb der OECD. Wir haben viele Ärztinnen und Ärzte, eine hohe Krankenhausdichte, moderne Diagnostik und grundsätzlich einen sehr guten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Doch wenn wir so viel Geld für Gesundheit ausgeben, müsste man eigentlich erwarten, dass wir auch bei der Gesundheit der Bevölkerung ganz vorne liegen. Genau hier werden die aktuellen Zahlen der OECD interessant.


Was ist die OECD überhaupt?

Die OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie ist eine internationale Organisation, die unter anderem Daten aus verschiedenen Ländern sammelt und nach möglichst einheitlichen Standards miteinander vergleicht.

Im Bericht „Health at a Glance 2025“, auf Deutsch etwa „Gesundheit auf einen Blick“, betrachtet die OECD unter anderem Gesundheitsausgaben, Lebenserwartung, Gesundheitszustand, Risikofaktoren und die medizinische Versorgung verschiedener Länder.

Dadurch können wir relativ gut vergleichen, wie viele Ressourcen ein Land in Gesundheit investiert und welche gesundheitlichen Ergebnisse dem gegenüberstehen.


Deutschland gibt enorm viel Geld für Gesundheit aus

Beginnen wir mit einer beeindruckenden Zahl:

Deutschland gibt laut OECD 9.365 US-Dollar pro Einwohner und Jahr für Gesundheit aus.

Dabei handelt es sich um kaufkraftbereinigte Dollar, sogenannte USD PPP. Dadurch können Länder mit unterschiedlichen Preisniveaus besser miteinander verglichen werden.

Der OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei lediglich 5.967 Dollar pro Einwohner. Deutschland gibt damit pro Kopf rund 57 Prozent mehr für Gesundheit aus als der OECD-Durchschnitt.

Datenquelle: OECD, Health at a Glance 2025. Eigene Darstellung.

Auch gemessen an unserer gesamten Wirtschaftsleistung sind die Ausgaben enorm. Rund 12,3 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts fließen in Gesundheit. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 9,3 Prozent. Deutschland investiert also enorme finanzielle Ressourcen in seine medizinische Versorgung.

Und das sieht man auch an der vorhandenen Infrastruktur. Deutschland verfügt über mehr Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Krankenhausbetten pro Einwohner als der OECD-Durchschnitt. Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Spiegelt sich dieser enorme finanzielle und medizinische Aufwand auch entsprechend in unserer Gesundheit wider?


Bei der Lebenserwartung sind wir plötzlich nur Durchschnitt

Schauen wir uns einen der bekanntesten Gesundheitsindikatoren an: die Lebenserwartung. Diese liegt in Deutschland laut OECD bei 81,1 Jahren.

Der OECD-Durchschnitt? Ebenfalls 81,1 Jahre. Das ist zunächst einmal bemerkenswert.

Wir geben pro Einwohner rund 57 Prozent mehr für Gesundheit aus als der OECD-Durchschnitt, erreichen bei der Lebenserwartung aber lediglich den Durchschnitt.

Andere Länder zeigen gleichzeitig, dass eine hohe Lebenserwartung nicht zwangsläufig mit ähnlich hohen Gesundheitsausgaben einhergehen muss.

Italien beispielsweise erreicht eine Lebenserwartung von über 83 Jahren, obwohl die Gesundheitsausgaben pro Einwohner deutlich niedriger liegen als in Deutschland.

Das bedeutet natürlich nicht, dass höhere Gesundheitsausgaben Menschen kränker machen.

Datenquelle: OECD, Health at a Glance 2025. Eigene Darstellung.

So einfach funktioniert dieser Zusammenhang nicht. Die Lebenserwartung wird von unzähligen Faktoren beeinflusst: Ernährung, Bewegung, Rauchen, Alkoholkonsum, soziale Faktoren, Bildung, Umweltbedingungen, Demografie, Genetik und natürlich auch die Qualität der medizinischen Versorgung. Aber genau deshalb ist dieser Vergleich so interessant.


Mehr als jeder Zehnte bewertet seine Gesundheit als schlecht

Eine weitere Zahl aus den OECD-Daten fällt besonders auf. 10,9 Prozent der Menschen in Deutschland bewerten ihren eigenen Gesundheitszustand als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Im OECD-Durchschnitt sind es lediglich 8 Prozent. Damit empfindet mehr als jeder zehnte Mensch in Deutschland seine eigene Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht.

Wichtig ist hierbei die Einordnung:

Das bedeutet nicht, dass 10,9 Prozent der Bevölkerung schwer krank sind. Es handelt sich um eine subjektive Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes und nicht um eine objektiv diagnostizierte Krankheitsrate. Trotzdem ist diese Zahl interessant. insbesondere vor dem Hintergrund unserer enormen Gesundheitsausgaben. Wir verfügen über sehr viele medizinische Ressourcen, geben deutlich mehr Geld als der Durchschnitt aus und trotzdem empfindet ein relevanter Teil der Bevölkerung die eigene Gesundheit als schlecht.


Bedeutet das, dass unser Gesundheitssystem schlecht ist?

Nein. Und genau diese Differenzierung ist wichtig.

Aus diesen Zahlen lässt sich nicht ableiten, dass Deutschland eine schlechte medizinische Versorgung hat. In einigen Bereichen zeigen die OECD-Daten sogar das Gegenteil. Deutschland schneidet beispielsweise sowohl bei der vermeidbaren als auch bei der behandelbaren Sterblichkeit besser ab als der OECD-Durchschnitt.

Das bedeutet vereinfacht gesagt:

Wenn Erkrankungen entstehen und medizinisch behandelt werden müssen, funktioniert unser System in vielen Bereichen ziemlich gut.

Wir verfügen über moderne Diagnostik, Medikamente, spezialisierte Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser und hochentwickelte Behandlungsmöglichkeiten. Die interessantere Frage ist deshalb vielleicht eine andere: Wie schaffen wir es, Menschen möglichst lange gesund zu halten, bevor diese medizinische Versorgung überhaupt notwendig wird?


Gesundheit beginnt nicht erst beim Arzt

Ein Gesundheitssystem beginnt nicht erst im Krankenhaus. Viele chronische Erkrankungen entwickeln sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Dabei spielen zahlreiche beeinflussbare Faktoren eine Rolle.

Bewegungsmangel, Übergewicht, Rauchen, hoher Alkoholkonsum, Ernährung, Schlaf und psychosoziale Belastungen können langfristig einen erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit haben.

Auch hier finden wir interessante Zahlen. Der Alkoholkonsum liegt in Deutschland beispielsweise über dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig wäre es aber falsch zu behaupten, Deutschland würde überhaupt nichts für Prävention ausgeben. Tatsächlich liegt der Anteil der laufenden Gesundheitsausgaben, der in Prävention fließt, laut OECD sogar über dem OECD-Durchschnitt. Das Problem lässt sich deshalb nicht auf den einfachen Satz reduzieren:

„Deutschland investiert zu wenig Geld in Prävention.“ Die Realität ist deutlich komplexer!


Medizinische Versorgung und Gesundheit sind nicht dasselbe

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse unserer Vorstellung von Gesundheit. Ein hervorragendes Gesundheitssystem kann Krankheiten diagnostizieren, Medikamente bereitstellen, Operationen durchführen und im Notfall Leben retten.

Aber selbst das beste Krankenhaus kann uns nicht sämtliche Entscheidungen abnehmen, die unsere Gesundheit über Jahrzehnte beeinflussen.

  • Wie viel bewegen wir uns?

  • Wie ernähren wir uns?

  • Wie schlafen wir?

  • Wie gehen wir mit chronischem Stress um?

  • Rauchen wir?

  • Wie viel Alkohol trinken wir?

  • Wie entwickelt sich unser Körpergewicht?

  • Wie steht es um unsere Stoffwechselgesundheit?

  • Und wie früh erkennen wir ungünstige Entwicklungen?

Das sind Fragen, die nicht erst dann relevant werden sollten, wenn bereits eine Diagnose gestellt wurde. Medizinische Versorgung und persönliche Prävention sollten dabei niemals gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen beides!


Was können wir aus diesen Zahlen mitnehmen?

Die OECD-Daten zeigen nicht, dass das deutsche Gesundheitssystem versagt. Sie zeigen etwas viel Interessanteres: Hohe Gesundheitsausgaben allein garantieren keine außergewöhnlich gesunde Bevölkerung. Deutschland gibt pro Einwohner enorm viel Geld für Gesundheit aus. Gleichzeitig liegt unsere Lebenserwartung lediglich im OECD-Durchschnitt und mehr als jeder zehnte Mensch bewertet seinen eigenen Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht. Auf der anderen Seite funktioniert unsere medizinische Versorgung in vielen Bereichen sehr gut.

Die Konsequenz daraus sollte deshalb nicht sein, weniger in Medizin zu investieren.

Vielmehr sollten wir anfangen, Gesundheit noch früher zu denken.


Nicht erst dann, wenn Blutwerte entgleisen.

Nicht erst dann, wenn Schmerzen chronisch werden.

Nicht erst dann, wenn Medikamente notwendig werden.

Und nicht erst dann, wenn eine Diagnose gestellt wurde.


Sondern bereits dort, wo wir jeden einzelnen Tag Einfluss nehmen können:

  • Bewegung.

  • Ernährung.

  • Schlaf.

  • Regeneration.

  • Stressmanagement.

  • Vorsorge.


Und ein insgesamt gesundheitsfördernder Lebensstil.

Denn das langfristige Ziel eines guten Gesundheitssystems sollte nicht ausschließlich darin bestehen, Krankheiten möglichst gut zu behandeln. Es sollte genauso darum gehen, Menschen möglichst lange gesund zu halten.


Quellen

OECD (2025): Health at a Glance 2025: OECD Indicators. OECD Publishing, Paris. DOI: 10.1787/8f9e3f98-en. OECD – Health at a Glance 2025

OECD (2025): Health at a Glance 2025 – Germany. Länderprofil Deutschland mit Daten zu Gesundheitszustand, Gesundheitsausgaben, Prävention und Ressourcen des Gesundheitssystems. OECD – Länderprofil Deutschland

OECD (2025): Health expenditure per capita. Internationale Vergleichsdaten zu den Gesundheitsausgaben pro Einwohner, einschließlich der kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Ausgaben. OECD – Gesundheitsausgaben pro Kopf

OECD (2025): Life expectancy at birth. Internationale Vergleichsdaten zur Lebenserwartung in den OECD-Ländern. OECD – Lebenserwartung

Datenstand: OECD Health Statistics 2025. Gesundheitsausgaben überwiegend 2024 bzw. nächstverfügbares Jahr; Lebenserwartung überwiegend 2023 bzw. nächstverfügbares Jahr.

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